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von Alfred Santner am 27.01.2016 geschrieben
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Thema Asylanten, Wertfreie Beobachtungen eines Busfahrers!

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Laut schnarrend greift das „Ritzel“ vom Starter, spurt in die Zähne des Startkranzes, der aufheulende Vierzehn-Liter-Motor bricht das Schweigen der Nacht. Es ist früh, sehr früh: 02.15 Uhr. Bei jedem Wetter zur selben Zeit. Seit Wochen. Täglich. Nur widerwillig lässt sich im kalten Zustand der Gang einlegen, langsam kommen die fast vierzehn Tonnen in Bewegung, nehmen immer mehr Schwung auf.

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In knapp einer Stunde ist der Bus an der Grenze Karawankentunnel, wo er hinter dem unter dunklen Planen verborgenen Baustellenzaun verschwindet. Angekommen im abgesperrten Sektor, in dem bereits fünf österreichische Busse stehen, sendet der Fahrer einen vorgegebenen Code per SMS: „Warte auf Beladung“. Weitere Fahrzeuge treffen ein. In dieser Tranche sind es heute acht.

Es ist 03.40 Uhr. An der gegenüberliegenden Straßenseite ist Blaulicht zu sehen: Der Buskonvoi aus Slowenien nähert sich - wie immer in Polizeibegleitung, ein Blaulichtfahrzeug vor, ein Blaulichtfahrzeug hinter dem Gefolge. Wiederum sind es acht Wagen, alle vollbesetzt mit Flüchtlingen.

Einer nach dem anderen reiht sich jeweils rechts von einem der wartenden Busse ein. Je zwei fahren nun in einen zusätzlich abgesperrten Bereich. Ein kurzes „Hallo“. Soldaten, Polizisten sowie Buslenker kennen sich mittlerweile. Letzterer sendet erneut eine Kurznachricht: „Beladung“. Alle positionieren sich, Kofferraumdeckel tun sich auf, der Fahrer darf nur eine Tür des Fahrzeugs öffnen.

Routiniert, vorsichtig, distanziert erfolgt die Kontrolle seitens der Polizisten: Jeder der ankommenden Flüchtlinge, ob jung oder alt, ob Kind oder Erwachsener, wird genauestens anhand der Reisepässe und anderer Unterlagen kontrolliert, um nur einzeln aus dem slowenischen Omnibus auszusteigen. Wenn vorhanden, können die schon kontrollierten Personen ihre Habseligkeiten aus dem Kofferraum nehmen und durch einen vorgegebenen, durch mechanische Absperrungen sowie uniformierte, bewaffnete Polizisten und Bundesheersoldaten gebildeten Korridor zum österreichischen Fahrzeug gehen. Auch hier kommen Tasche oder Rucksack, Plastik- oder Seesack direkt in den Kofferraum. Wer will oder muss, kann noch die Toilette über einen abermals ausgewiesenen Weg besuchen.

Liegen Abfall, Papier, Plastikflaschen oder ein Bekleidungsstück am Boden, werden die Flüchtlinge dazu angehalten, diese aufzuheben und in die vorhandenen Mülltonnen und -container zu werfen, was oftmals nur widerwillig von den angesprochenen Personen erledigt wird.

Der slowenische Bus tritt nach „Entladung“ wieder die Reise in die Heimat an. Aus dem Bereich der Toilette kommt ein Kommando: „Toilette erledigt!“

Die Flüchtlinge, oft ganze Familien bis hin zu Oma und Opa, junge Pärchen, Kleinkinder, welche in den Armen von Mutter oder Vater schlafen, steigen einzeln in den Bus, dies nochmals nach vorheriger Kontrolle. Niemand darf ein Gepäcksstück mit in den Innenraum nehmen. Die Personenanzahl wird wiederholt von den Uniformierten geprüft. Sechsundvierzig Personen: „Nach Kufstein“, „Wenn möglich ohne Pause durchfahren“, „Keine Raststätten anfahren“. Die nächste SMS: „Abfahrt zum Ziel“.

Die slowenischen Buslenker fahren samt einem bewaffneten Polizisten als Begleitung, die österreichischen ohne. Kein Konvoi. Einzeln.

Der Wagen ist noch nicht in der Nähe von Villach, schon schlafen die meisten Insassen. Der Fahrer ist bestrebt, diese Menschen so schnell wie möglich, gut und sicher ans vorgegebene Ziel zu bringen, um sich danach rasch wieder auf den Weg Richtung Heimat zu machen – das ist sein Job.

Immer wieder kommen Mitfahrende auf den Buslenker zu, machen sich mit verschiedensten Sprachen, und Gebärden verständlich. Einige Fragen wiederholen sich: „Hast du WLAN im Bus?“, „Kann ich das Handy aufladen?“ Manchmal, nach etwas Zeit, kommt einer von ihnen nach vorne, hockt sich auf den Sockel im Mittelgang, und versucht mit dem Buslenker Kontakt aufzunehmen:

Wie lange ist der Weg noch? Eine Stunde ungefähr. Gute Musik läuft da im Radio, wir hören die gleiche zu Hause. Ja, das ist ein Sender, wo auch Verkehrsnachrichten erfolgen, nur vorne spielt die Musik. Ein schönes Land ist das hier, was glaubst du, ist besser: Deutschland, Holland oder Skandinavien? Es ist nicht fair, eine Empfehlung abzugeben. Wie ist es, auf einer Schneefahrbahn mit dem Bus zu fahren? Wir sind es gewohnt, auf solchen Straßenverhältnissen zu fahren, doch Vorsicht ist immer geboten.

Warum bist du aus deiner Heimat weg? Es ist Krieg, es ist fürchterlich, ich werde getötet! Wir haben in Europa auch viele Flüchtlinge aus Nordafrika. Die flüchten wegen Wirtschaft, viele sind auch von dort aus unterwegs, wo kein Krieg ist. Hast du schon gehört von globaler Erwärmung, wo das Meer mehr als einen Meter steigen wird? Auch hier sind bald viele Menschen vor der Natur auf der Flucht! Ach, das ist was anderes, ich bin wegen Krieg geflüchtet!

Wohin willst du? Germany! Was willst du in Deutschland machen? In welche Stadt willst du? Keine Ahnung, ich will nur nach Deutschland, welche ist gut? - Der Buslenker gibt keine Empfehlung ab - Wie lange bist du schon unterwegs, aus welchem Land bist du? Afghanistan, seit ungefähr elf Tagen bin ich unterwegs, erst über Syrien und die Türkei, dann mit dem Schlauchboot auf die Insel in Griechenland, mit der Fähre nach Athen, mit dem Zug nach Mazedonien, über Serbien mit dem Zug nach Kroatien, dort mit dem Zug nach Slowenien, mit dem Bus nach Österreich und jetzt hoffe ich, bald in Deutschland zu sein.

Was hast du unterwegs bezahlt, wie viel hat dich das gekostet? Meine Großeltern und Eltern haben mir Geld gegeben, bis jetzt ca. $ 1.600,00. Ich bezahle auf der ganzen Strecke für Zug, Boot und Fähre. Erst in Slowenien und hier in „Nemsa“ brauche ich nicht zu bezahlen. Bist du alleine unterwegs? Meine Freunde aus Irak, Syrien und Afghanistan wollen in Deutschland studieren. Was denn? Agrarkultur, Medizin, Technik usw.

Glaubst du, in Zukunft mal wieder in deine Heimat zurückzukehren? Oh no! Never.

Nach knapp dreieinhalb Stunden erreicht der Bus das nächste Camp. Der Buslenker tippt die nächste SMS: „Am Ziel angekommen“. Nachdem alle Flüchtlinge im gleichen Prozedere ausgestiegen sind, schicken die Uniformierten ein oder zwei „Freiwillige“ mit einem Müllsack zurück in den Bus. Alles, was noch drinnen ist, wird von den beiden Flüchtlingen eingesammelt: Flaschen, Essen, Mützen, Jacken, Handschuhe, Decken, Kinderwägen, verschiedenstes Reisegepäck und mehr - alles kommt in die zur Verfügung stehenden Container und wird entsorgt. Im Camp wird wieder jeder einzelne der Ankommenden überprüft. Sanitäranlagen und andere Verpflegung stehen zur Verfügung. Nur wenige Minuten später fährt an der Rückseite des Camps ein weiterer Bus ab zum nahe liegenden Bahnhof, wo der Transport Richtung Deutschland organisiert ist.

Der Fahrer stellt den Omnibus gleich nach Campausfahrt auf einem Parkplatz ab, denn er muss die gesetzlich vorgeschriebene Pause abwarten. Eine abschließende SMS: „Transport abgeschlossen“. Morgen um 02.15 Uhr greift dann wieder laut schnarrend das „Ritzel“ vom Starter, spurt in die Zähne des Startkranzes, und der aufheulende Vierzehn-Liter-Motor bricht das Schweigen der Nacht.

Quelle

Ein uns bekannter Busfahrer aus Kärnten

Laut seiner Auskunft werden pro Tag immer noch zwischen 2.000 bis 7.000 Flüchtlinge durch Kärnten transportiert.

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